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Diskussion «"Daten sind das neue Erdöl" und andere gefährliche Metaphern»
Artikel 1-2 von 2



Fredy Spring
20. Oktober 19 (19:15 Uhr)
Beitragsnummer: 4182
Naja, die Daten-Öl-Metapher zielt wohl nicht auf die technisch-materielle Ebene. Insofern verfängt die Kritik des Netzwoche-Autors nicht wirklich. In dieser Metapher ist Öl als Haupttreiber des ökonomischen Entwicklungsmodells gemeint, worin die Metapher vielleicht nicht ganz falsch liegt – über Details liesse sich streiten …

Ironischerweise kolportiert und wiederholt der Netzwoche-Autor mit der Mär von der Immaterialität von Daten in seiner Kritik selbst eine «gefährliche Metapher» (genau genommen ist es ein falscher Begriff keine Metapher). Die technische Sachlage scheint einfach: ohne Hardware keine Daten. Gesellschaftlich gewichtiger dürfte aber sein, dass mit dem so verwendeten Begriff des «Immateriellen» verschiedene Facetten einer ziemlich brutalen Realität «hinter» der Immaterialität ausgeblendet bleiben. Die Rohstoffgewinnung für heutige Hardware (Stichwort seltene Erden etc.) verursacht inzwischen lokale Konflikte und Kriege. Von den in den Minen vielfach anzutreffenden Arbeitsbedingungen, die «wir hier» kaum ein paar Stunden ertragen noch akzeptieren würden, ganz zu schweigen. Eine weitere ausgeblendete Facette darin ist die Elektroschrott-Problematik, die aktuell nach Afrika, China und anderswoausdenaugenausdemsinn nicht nur sprichwörtlich exportiert wird.

Der Kern der Daten-Öl-Metapher, Öl als wirtschaftliches Schlüsselelement, kann in diesem Sinne ergänzt werden: Daten haben mit dem Öl gemeinsam, dass sie zunehmend vom Segen – falls sie das jemals waren (Stichwort Rosa Listen, IBM-Lochkarten u.a.) – zum Fluch werden.

Kritischen Beobachter*innen dürfte die grassierende Technikgläubigkeit in der Tech-Branche kein Geheimnis sein. Die Ursache für «das Gefährliche» an den «gefährlichen Metaphern» dürfte nicht zuletzt deren Aufladung mit und der Transport solcher Technikgläubigkeit sein, was ja in den Kritiken durchscheint. Der mit Technikgläubigkeit einhergehende Technokratensprech vernachlässigt soziale Prozesse oder artikuliert diese in technizistisch verkürzter Weise. Bei einigen Zeitgenoss*innen ist ein unerschütterlicher Glaube anzutreffen, es gebe für jedes Problem eine technische Lösung. U.a. feiert dies in der Klimadebatte vom Elektroauto bis zu den Allmachtsfantasien des Geoengineerings (un-)fröhliche Urstände.

Der Begriff Nudging, der verniedlichend oft mit «Anstupsen» o.ä. eingedeutscht wird, darf wohl der Liste der «gefährlichen Metaphern» hinzugefügt werden. Unverblümter formuliert geht es dabei um eine soziotechnokratische Praxis der Menschen- und Massenmanipulation. In der spezifischen Form der Gamifizierung ist Nudging inzwischen wohl mindestens in jede zweite App eingebaut. Dass in diesem Zusammenhang getrost, wenn auch wenig tröstlich, von totalitären Fantasien gesprochen werden kann, dürfte spätestens seit der Cambridge Analytica-«Affäre» deutlich geworden sein.

Als ein bzw. zwei weitere Kandidatinnen für die «gefährliche Metaphern»-Liste schlage ich die Begriffe Intelligenz und (maschinelles) Lernen im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz (KI) vor. Bei KI in ihrer aktuell dominierenden Form des Deep Learnings mit neuronalen Netzen u.ä. handelt es sich im Grundprinzip um so etwas, wie das Erzeugen eines stochastischen Musters aus den Lerndaten, um daraus eine Prognose zu erstellen. Also im Grundkonzept nicht viel anderes als eine Mittelwert- und Varianzberechnung o.ä. als Grundlage einer Prognose. Demgegenüber vermitteln die mit der Entwicklung dieser Technologien einhergehenden Heilsversprechen manchmal doch den Eindruck, es handle sich um ein Wahrheit sprechendes Orakel, dessen Glaubwürdigkeit in umgekehrt proportionalem Verhältnis zur Durchschaubarkeit seiner Wirkungsweise steht. Im technischen Bereich sind deren Resultate vielleicht öfters noch auf relativ einfache Weise plausibilisierbar, bei sozialen, gesellschaftlichen Phänomenen wird das meist schwieriger. Die beiden Begriffe sind ein Paradebeispiel für Anthropologisierung, also der Projizierung menschlicher Eigenschaften und Verhaltensweisen auf technische Apparaturen und Technologien.

Turings Frage, was Intelligenz bzw. Denken ist, ist bis heute unbeantwortet. Die KI hat das Problem in der Weise «gelöst», dass sie sich die Frage so nicht mehr stellt, sondern den Begriff einfach zum Namen des Fachgebiets umfunktioniert. Soweit in gewisser Weise legitim, wenn nicht immer wieder auch von führenden KIler*innen als unseriös zurückgewiesene Vergleiche mit dem menschlichen Gehirn oder ähnlich anthropologisierende Vergleiche die Runde machen würden. Für einen solchen Vergleich ist einerseits immer noch viel zu unklar, wie menschliches Denken funktioniert. Andererseits fallen mit einer solchen Metapher soziale und gesellschaftliche, also auch intersubjektive Faktoren für Intelligenz und Lernen unter den Tisch und es wird implizit ein mechanistisch reduktionistisches Menschenbild bedient.

Das alles spricht nicht in erster Linie gegen diese technischen Verfahren. Aber, um auf «gefährliche Metaphern» zurückzukommen, den gesellschaftlichen Umgang damit, also die Popularisierung – oder vielleicht wäre der Begriff Populismus treffender … –, auf die solche Metaphern bewusst oder unbewusst abheben.

Die «gefährliche Metapher»-Liste könnte auch mit Sprechformeln wie «den Markt spielen lassen» ergänzt werden, die reduktionistische Menschenbilder à la homo oeconomicus feilbieten. Im engeren Sinne gehört dies zwar nicht zu Technikmetaphern, schwirrt aber immer wieder auch in technischen Diskussionen umher, wenn es um die Markteinführung von technischen Produkten geht.

Soweit ein kleiner Kommentar und ein paar Vorschläge für Deine Liste. :-)

Stefan Keller
14. Oktober 19 (01:44 Uhr)
Beitragsnummer: 4176
"Sind Daten das neue Erdöl?" Daten sind eben nicht das Öl des 21. Jahrhunderts, denn Daten können beliebig und günstig vervielfältigt werden.

Und "Die Cloud" ist kein Sachbegriff. Es ist eine weitere gefähriche Metapher, denn hinter jeder "Cloud-Infrastruktur" stecken nicht nur "Sachen" sondern Menschen, was mit dem Begriff "Cloud" ausgeblendet wird.

Oder, was hat "Digitaler Zwilling" mit einem 3D-Stadtmodell zu tun? Die Metapher mag bei der Maschinentechnik noch stimmig sein, wo beispielsweise eine Armbanduhr vollständig digital geplant und abgebildet wird. Aber bei Städten von "Digitalem Zwilling" zu sprechen und darunter ein simples Oberflächenmodell zu verstehen, ist irreführend bis falsch. Das ist wie wenn man eine Go-Kart-Anlage mit einem Stadtteil gleichsetzen würde.

Wer weitere solche gefährlichen (bis falschen) Metaphern kennt, bitte melden!

Hier einige (Inspirations-)Quellen:
* "Daten sind kein Erdöl!" von André Golliez, 2019-05-16:
[www.netzwoche.ch/news/2019-05-16/daten-sind-kein-erdoel]
* "'The Cloud' and Other Dangerous Metaphors" von Tim Hwang & Karen Levy, 20, 2015-01-20.
[www.theatlantic.com/technology/archive/2015/01/the-cloud-and-other-dangerous-metaphors/384518/]
* "Data Is the New What? Popular Metaphors & Professional Ethics in Emerging Data Culture" von Luke Stark & Anna Lauren Hoffmann, 2019-02-05.
[culturalanalytics.org/2019/05/data-is-the-new-what-popular-metaphors-professional-ethics-in-emerging-data-culture-2/]



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